Lukas Hospiz Herne
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Man kann dem Leben nicht mehr Zeit geben,
aber der verbleibenden Zeit mehr Leben.

Lukas-Hospiz – Herne

Mein Tagebuch                                         
Herne, 5.Juni 2007  D.J.Finger

Beginn meines Dienstes im Hospiz

Seit ich in die Hospizarbeit eingebunden bin, ist mir extrem aufgefallen, wie schwer es für viele Menschen in meiner Umgebung  ist, sich mit dem Thema Sterben und Tod auseinanderzusetzen. Sterben und Tod wird einfach ausgeklammert - ausgeblendet. Tod und Sterben in TV/Film usw. JA, im eigenen Leben aber NEIN.

Persönlich habe ich durch die Vorbereitung auf die Hospizarbeit und jetzt in der Praxis, ein anderes Verhältnis zum Thema Sterben und Tod bekommen. Ich habe eine andere Sicht auf die Endlichkeit bekommen, aber trotzdem weiß ich nicht, wie ich selbst auf die eintretende Situation Sterben letztendlich reagieren werde.

 

Meine ersten erlebten Momente.

Nach der langen theoretischen Vorbereitung kam nun die Anfrage, ob ich meine Hospitation (vom 12. bis 14 April 2007) machen könne. Dabei erfuhr ich auch, dass ich der erste Hospitant bin und so konnte ich mir keine Erfahrungstipps einholen. Nun sollte ich die Theorie in die Praxis „umsetzen“. Die mir verbliebenen Tage bis zum Dienstantritt verbrachte ich damit, nochmals das ganze Lehrmaterial zu studieren. Ja nichts falsch machen! Wie ist die erste Begegnung? – Gesprächsführung, - Kommunikation mit Sterbenden, - Umgang mit Trauer und trauernden Angehörigen und so weiter. All das ging mir durch den Kopf.

Ich stand schon vielen schwierigen Situationen in meinem Leben gegenüber, hier aber begegne ich sterbenden, todkranken Menschen. Was erwartet mich – wie reagieren die Gäste des Hospizes auf uns?

Das Haus und die Einrichtung kannte ich schon, aber nicht die Atmosphäre in der Praxis.

Ich erwartete ein „Trauerhaus“ und kam in ein „Haus des Lebens“. Frau Wallbaum, Leiterin des Hospizes, wünschte mir ein fröhliches „Guten Morgen, Herr Finger“ und stellte mich einem freundlichen, gelösten und auf- geschlossenen Team vor. Mein Magendruck ließ nach und schon folgte der nächste Satz „So jetzt gehen wir erstmal frühstücken“.

Die nächste Überraschung erwartete mich: Im großen „Wohnzimmer“ saß nicht nur ein Teil des Pflegeteams zu Tisch, sondern auch mehrere Gäste und Angehörige. Von einer gedrückten oder traurigen Stimmung war nichts zu bemerken, es wurde diskutiert, gelacht und sogar Scherze gemacht.

Wer noch mobil ist und nicht im Zimmer seine Mahlzeiten einnehmen will, kann es in der Gesellschaft der Anderen. Es kommt auch vor, dass Bettlägerige, auf Wunsch, an den großen Esstisch gefahren werden.

Mit den Gästen kam ich sofort ins Plaudern, durfte Schnittchen mundgerecht zubereiten und andere Handreichungen machen. Auch die Vorstellungsrunde, die ich an meinem ersten Tag absolvierte, war problemlos. Viele der Gäste waren neugierig und fragten mehr mich aus, als es umgekehrt war. Die Praxis zeigte wieder mal, dass alle Theorie grau ist.

Natürlich begegnete ich unterschiedlichen Gästen, Stille, in sich Zurückgezogene, die kein Gespräch wollten oder Gäste, die sich mit der Situation noch nicht abgefunden hatten. Gern erinnere ich mich noch heute, nach etlichen Wochen, an Gäste, mit denen ich mich stundenlang unterhielt und deren ganzen Lebenslauf ich kennen lernte. Sie hielten Rückschau auf ihr vergangenes Leben und vertrauten es mir an. Mich überraschte dieser große Vertrauensbeweis.

Unterschiedlich gingen und gehen viele der Gäste mit ihrem unabwendbaren Schicksal um. Während einige kaum über den nahen Tod sprechen, ihn beiseite schieben, sagen andere „Ich hatte ein erfülltes Leben“, ich möchte erlöst werden.

Oft waren sie aber mehr besorgt über die, die sie zurücklassen mussten. Gern erinnere ich mich an eine sehr nette Frau, die mit dem Sterben solange wartete, bis ihre Enkelin zur 1.Hl. Kommunion ging. Sie feierte die Kommunion auch mit ihrer Enkelin im Hospiz. Dann konnte sie Abschied nehmen vom diesseitigen Leben.

 

Es gibt viele dieser Momente und Begebenheiten, die mir persönlich viel bringen und mich bereichern.

Momente wie die, dass ein Gast nochmals seinen jüngsten Urenkel von wenigen Wochen im Arm halten kann. Er brachte vor Freude kaum noch ein Wort heraus. Und wir alle sahen bildlich, wie nah doch Geburt und Tod sind. Ein anderes schöne Erlebnis war, wie der Ehemann, der Gast hier ist, seiner Frau zu ihrem 80-zigsten Geburtstag einen Strauß Rosen überreichen konnte, den Frau Wallbaum in seinem Auftrag besorgt hatte. Beide alten Leute saßen Hand in Hand den ganzen Nachmittag am Tisch. Uns alle ließ das nicht unberührt.

Ich erlebe auch andere Augenblicke, wo der Mensch, der zu dir Vertrauen gefunden hat, plötzlich nicht mehr da ist. Wie viele Gespräche habe ich mit ihm in den vergangen Wochen geführt?  Er/Sie ist mit ihren Wünschen und Hoffnungen, die sie immer noch hatten, verstorben.

Darum gilt für uns alle, die im Hospiz tätig sind, der Satz:

Man kann dem Leben nicht mehr Zeit geben, aber der verbleibenden Zeit mehr Leben.

 


Mein Hospiz – Tagebuch Teil II

19.Juli 2009 Dietmar Finger

Zwei Jahre sind jetzt schon vergangen seit ich im Lukas-Hospiz ehrenamtlich tätig bin.

Welche menschlichen Schicksale, welche Hoffnungen, welche Trauer und aber auch Dankbarkeit und Anerkennung habe ich in diesen zwei Jahren gesehen und erfahren können.
Es waren zwei lehrreiche, intensiv erlebte und einfach gute Jahre. Jahre die ich in meinem Leben nicht mehr vermissen möchte.

Im April 2007 habe ich meinen ersten Gang ins Hospiz mit sehr gemischten Gefühlen angetreten. Es waren Gefühle wie „Du betrittst ein total unbekanntes Territorium, du begibst dich in eine Situation die du nicht kennst und doch irgendwie beherrschen musst“. Theorie ist das Eine aber nun mit der Realität konfrontiert zu werden das Andere. Darum damals auch mein geschilderter „ausgeprägter“ Magendruck.

Hat sich das nach zwei Jahren gegeben?
Das Unbekannte ist nicht mehr da – es ist etwas Vertrautes geworden, aber die Anspannung und die Erwartung „Was erwartet dich heute?“,das herrscht noch jede Woche auf den Weg ins Hospiz vor und das ist gut so.
Beruhigend ist aber auch zu wissen, du bist nicht allein, denn hilfreiche, nette Kolleginnen und Kollegen stehen mir, wenn ich sie brauche, zur Seite.
Das gibt Ruhe, Gelassenheit und Sicherheit.

Die Arbeit im Hospiz ist, anders als in einem Berufsleben, nicht planbar. Jeder Tag ist anders. Jeden Tag triffst du auf ein anderes menschliche Schicksal und im Zeitraum einer Woche auch immer wieder auf neue Gäste und ihre Angehörigen.
Gäste, denen ich ein Wiedersehen gewünscht oder für die nächste Woche ihnen etwas versprochen habe, treffe ich nicht mehr an. Habe ich zuviel oder zu voreilig ihnen etwas versprochen? Oft stelle ich mir diese Frage – tue es aber doch wieder. Der dankbare Blick des Gastes wischt alle Zweifel weg.
Ihm gibt es Hoffnung und Freude.

Zwei Jahre im Dienst der Hospizarbeit haben mich im Positiven verändert. Ich selbst sehe das auf jeden Fall so. Ich bin ruhiger, ausgeglichener und toleranter geworden. Viele Dinge die mich früher ärgerten sehe ich heute als banal an. Im Hospiz habe ich erfahren was eigentlich das Wesentliche im Leben sein kann und sollte.
Natürlich sieht es jeder subjektiv, deswegen will ich nicht auf Details eingehen. Doch bei der letzten Supervision haben alleTeilnehmer diese gleiche Ansicht bestätigt. Dies ist auch ein Beweis, dass diese Arbeit nicht nur heißt Geben, sondern auch Bekommen.

In den zwei zurückliegenden Jahren, die für uns alle eine Aufbauphase war, sind neben der eigentlichen Hospizarbeit viele weitere Aktivitäten entwickelt worden. Aktivitäten, die nicht nur den Gästen und ihren Angehörigen zu gute kommen, sondern auch den Teamgeist fördern und das Hospiz zu einem Ort machen der spirituelle Ausstrahlung hat.
Das Letztere erwähnte vor einigen Tagen ein Angehöriger eines Gastes, der die Atmosphäre des Hausesbeschreiben wollte.

Heute will ich nur ein, wie ich glaube, wichtiges Angebot unserer Hospizarbeit erwähnen, unser „Cafe Komm“.
Das „Cafe Komm“ haben wir ins Leben gerufen, damit Angehörige von unseren verstorbenen Gästen einen Ort haben, wo sie frei ihre Emotionen erleben können.
Am Anfang wurde es zögernd angenommen, aber nach einem Jahr des Bestehen freuen wir uns über die zahlreichen Besuche. Es kostete vielen Überwindung an den Ort zurück zukommen, wo ihr Angehöriger verstorben ist. Heute sagen viele es ist für uns, nach einer gewissen Zeitspanne, ein gutes Gefühl hier an dem Ort zuweilen, wo wir die letzten Tage oder Wochen mit dem Verstorbenen sehr intensiv gelebt und verlebt haben.
Ein weiterer Trost ist dann zuletzt noch der Gang zu unserem „Erinnerungsbaum“ wo in Gestalt eines Blattes der Name des verstorbenen Angehörigen verewigt ist.

Denn sie sind alle nicht verloren,
nur eher gegangen.

Dietmar Finger

Weihnachten 2008 im Hospiz
Ausflug der Ehrenamtlichen nach Olpe 2009
Tag der Trauer und des Trostes 2009
Benefiz Lukas-Hospiz Radtour 2009

Dietmar Finger hat als erster ehrenamtlicher Mitarbeiter im Lukas-Hospiz seinen Dienst  versehen. 
In mehr als drei Jahren hat er durch seine persönliche Ausstrahlung und Menschlichkeit in seinem ehrenamtlichen Einsatz dazu beigetragen, dass für viele Menschen in Herne ihre letzten Tage lebenswerter wurden, hat Angehörige unterstützt, hat mit ihnen gelacht und auch mit ausgehalten, was schwer auszuhalten ist. 
Sterbebegleitung gehörte für Dietmar zum Leben, er half den Menschen aus tiefster Überzeugung. 
Neben seiner Begleitung schwerstkranker Menschen war Dietmar nicht nur im Trauercafé "Komm" ein guter Zuhörer und Gesprächspartner für trauernde Angehörige, alle haupt - und ehrenamtliche Mitarbeiter im Lukas-Hospiz haben seine besonnene Art und seine Lebenserfahrung sehr geschätzt.

Dietmar Finger starb am 14. August 2010
im Alter von 68 Jahren. 

Ein Freund - nicht verloren,  nur eher gegangen.